Foto: ZDF/Jacqueline Krause-Burberg

Bier Royal: Fast Helmut Dietls Erbe

Die Parallelen von „Bier Royal“ zu Helmut Dietls († 70) „Kir Royal“ sind gewollt. Es braucht allerdings keine fiktive Vorlage, um die Münchner Lebensart darzustellen. Der Film taucht so pointiert in diese ein, dass man das Gefühl hat, mit der Münchner Society auf Du und Du zu sein.

Mit dem Zweiteiler ist Drehbuchautorin Carolin Otto und Regisseurin Christiane Balthasar der erfrischendste Film der vergangenen Jahre gelungen – vorausgesetzt der erste Teil war Liebe auf den ersten Blick.


Von Michi Jo Standl

Als Journalist neigt man oft dazu, etwas zu suchen, das man kritisieren kann. Doch beim ZDF-Zweiteiler „Bier Royal“ tat ich mich nach dem ersten Teil schwer: Situationskomik, Münchner Selbstironie, witzige, aber keine flachen Dialoge: Unterhaltung pur! Meine Begeisterung liegt vielleicht auch daran, dass ich selbst zehn Jahre lang in München gelebt habe – ein bisschen wie heimkommen. Dennoch ist meine Meinung zu dem Werk objektiv. Beim zweiten Teil legte sich mein orgastisches „Jawoll!“ leicht. Während in Teil eins die wunderbar inszenierten Charaktere in Reih und Glied fast als eigenständiges Filmevent vorgeführt wurden, traten diese im zweiten Teil etwas in den Hintergrund. Schade! Denn gerade diese sorgten für meine Begeisterung.

Geschichte wird zur Nebensache

Die Geschichte des Films ist schnell erzählt: Witwe Gisela Hofstetter (Gisela Schneeberger, „Man spricht deutsh“) und ihre Stieftochter Vicky (Lisa Maria Potthoff, „Usedom-Krimi“) kämpfen nach dem Tod des Brauereibesitzers Franz-Xaver Hofstetter (Andreas Giebel, „München 7“) um dessen Erbe. Die hinterbliebene Ehefrau, fester Bestandteil der Münchner Society, wähnt sich auf der sicheren Seite. Ihr gehören laut Testament die meisten Anteile am Arnulfbräu. Doch Vicky, nach Jahren aus den USA zur Beerdigung angereist, hat andere Interessen: Sie will die Brauerei moderner, ökologischer, nachhaltiger aufstellen, beispielsweise mit einer veganen Weißwurst. Es dauert nicht lange, bis das gesamte Umfeld der beiden sich am schonungslosen Kräftemessen beteiligt.

Doch ein bisschen „Denver Clan“

Im Vorfeld der Ausstrahlung wurde „Bier Royal“ von einigen Journalisten-Kolleg*innen als Mischung aus „Kir Royal“ und „Denver Clan“ angekündigt. Beim ersten Teil konnte ich keine amerikanische 80er-Soap erkennen – vielmehr hundert Prozent „Kir Royal“ im trendigen Kleid, das den Film zu etwas Eigenständigem macht. Der zweite Teil erinnerte mich schon eher an eine amerikanische Soap. Ich hatte aber das Gefühl, eine Familiengeschichte, für die man sich beim „Denver Clan“ acht Jahre lang Zeit gelassen hat, soll in 90 Minuten erzählt werden – gespickt mit sozialkritischen Statements, wie Pädophilie und rechte Gesinnung. Beides wichtige Themen, über die man sprechen muss, innerhalb der Handlung spielen sie aber eine untergeordnete Rolle.

Wie im richtigen Leben

Was „Bier Royal“ so erfrischend und außergewöhnlich macht, sind Charaktere mitten aus dem Münchner Leben – die Dialoge detailverliebt und echt. Eine der zentralen Figuren ist die Klatschreporterin Renate Rottmann – die Rolle Ulrike Kriener („Willkommen bei den Hartmanns“) wie auf den Leib geschrieben, vor allem optisch. Ob bei der Auswahl die Ähnlichkeit zu Marie von Waldburg, legendäre Society-Reporterin des Magazins „Bunte“, eine Rolle gespielt hat? Auf alle Fälle mimte die gebürtige Westfälin die taffe People-Kennerin, die ein Verlag, der hinter der feinen Gesellschaft her ist, eben braucht. Aus der „Abendzeitung“, deren langjähriger Society-Reporter Michael Graeter Helmut Dietl zu „Kir Royal“ inspirierte, wird zum „Morgen-Journal“.

Die Hassliebe zwischen Rottmann und ihrem Chefredakteur Constantin von Spreti (Thomas Lobl, „Charité“) ist „Kir Royal“. Spreti natürlich von Adel, wie auch Baby Schimmerlos‘ (Franz Xaver Kroetz, „Die Geschichte vom Brandner Kaspar“) überdiplomatische Verlegerin Friederike von  (Ruth Maria Kubitschek, „Monaco Franze“). Also ein Remake der 80er-Jahre-Serie? Nein! In wichtigen Verlagshäuser tummelt sich eben niederer und bisschen höherer Adel. Eben wie im richtigen Leben.

Das französische Restaurant, in dem man sich öfters trifft, um über Strategien und Taktiken zu sinnieren, ist ebenfalls München. „Vivre Libre“ gehört zu München, wie die Frauenkirche und der Chinaturm – wohl eine Hinterlassenschaft des ewig allgegenwärtigen Kini Ludwig II. Das heute noch existierende Restaurant Tantris hat in den 70er Jahren aus der Society und den mithopsenden Sternchen Franzosen und Französinnen gemacht. Dietl widmete in „Kir Royal“ der Frankophilie eine ganze Folge. Heute gibt man sich an der Oberfläche oft vegan, wenn man etwas auf sich hält.

Eine Anspielung, die man nur versteht, wenn man München wirklich kennt: Obwohl es die Society eher in die Oper oder ins Theater zieht („… wann kommt unser Essen, wir haben Theaterkarten“) gehört der Schlager an der Isar zum guten Ton. DIE Lichtgestalt der Münchner Society, Rudolph Moshammer (†65), schaffte es mit der Oktoberfestband „Münchner Zwietracht“  mit dem selbstironischen Liedchen „Moos hamma“ sogar zum Vorentscheid für den Eurovision Song Contest 2001.

Im legendären Heiliggeiststüberl zelebrierten Wirtin Rosita „Bobby“ Kusterer, ihr Sohn Olli, die Kellnerin, die jeder nur „s’Zwergerl“ nennt und die anderen Bedienungen mit ihren prominenten und nichtprominenten Stammgästen, zufällig reingeschneiten Kneipengängern und Touristen den Schlager. Nicht nur den Neuen: Freddy Quinn, Lolita und Zeitgenossen waren bis in die nachbarschaftiche Heilig-Geist-Kirche und quer über den nahegelegenen Viktualienmarkt zu hören. 2015 musste die Edel-Boazn schließen. Mit der Heiliggeist 1 Bar wird die Location in neuem Ambiente von neuen Besitzern weitergeführt. Das frühabendliche bierseelige Lebensgefühl fand in „Bier Royal“ einen kurzen aber würdigen Platz:  Im Braugasthof der Hofstetters läuft als Berieselung „Cindy, oh Cindy“, als wollte eine Stimme aus vor-veganer Zeit den aufgebrachten anti-veganen Koch (wie immer wunderbar Eisi Gulp, „Sauerkrautkoma“) beruhigen.

Das Münchner Lebensgefühl und die Art der Münchner, Dinge zu sehen und Problemchen zu meistern haben Carolin Otto und Christiane Balthasar samt der prominent besetzten Schauspielerriege gekonnt in Szene gesetzt. Dass man das bayerische Gfui voller Selbstironie und Lebensfreude mit einem Schuss Schlitzohrigkeit aber nicht erfinden muss, wusste schon Gerhard Polt („Und Äktschn“) mit seiner Sketch-Serie „Fast wia im richtigen Leben“.

 

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